Konzertberichte

Stimmgewalt04.10.2017

Stimmgewalt
03.10.2017
Osterkirche - Wedding
Berlin

verfasst von Kalle

Am Tag der Deutschen Einheit trafen zwölf Stimmen aufeinander und vereinigten sich zu einem grandiosen HardChor. In die Osterkirche in Berlin-Wedding haben Stimmgewalt geladen, um das Finale ihrer Acoustiktour zu feiern. Zahlreiche Besucher sind gekommen und es war am Ende kein Stuhl mehr frei. In der geräumigen Kirche stellte man sofort eine tolle Akustik fest, wobei das Konzert noch nicht einmal begonnen hat. Eine kleine Bar bot ein paar ausgewählte Getränke an, der Merch von Stimmgewalt wurde gut präsentiert und die Vorfreude auf das Konzert stieg von Minute zu Minute.

Um kurz nach 19 Uhr war es dann soweit. Der Pfarrer der Kirche kündigte Stimmgewalt an, die dann an beiden Seiten der Kirche Aufstellung nahmen und zur Einleitung des Abends "Heyr Himna Smidur" sangen. Schon jetzt stieg die Gänsehaut nach Oben, denn ein solch gewaltiger Stimmchor in einer Kirche erzeugt einen Klang, das haut einen schon mal vom Stuhl. Und dabei war es erst der Beginn. Die Zwölf nahmen dann Aufstellung auf der "Bühne" und nach einer kurzen Begrüßung durch Frontmann Jan ging es mit dem Rammsteincover "Engel" weiter. Der Song ist ein grundlegener Bestandteil einer Stimmgewaltshow und immer wieder gut interpretiert. Schon jetzt zeigte sich die Qualität der Stimmen, die durch die Tour hier und da schon etwas angegriffen schienen - jedenfalls meinten das einige Akteure vor dem Konzert. Während der Show hat man davon überhaupt nichts gemerkt. Jan wirkte vor, während und nach der Show etwas aufgeregt und zittrig, der Rest lies die Cooleness durchkommen.

Warum auch nicht?! Was Stimmgewalt über die Jahre auf die Beine gestellt haben und wie sie jetzt überhaupt zu dieser Tour gekommen sind, das ist aller Ehren wert. Finanziert durch eine Crowdfoundingaktion konnten sie in fünf Städten an ganz besonderen Orten spielen und das Publikum für sich gewinnen. In Berlin, so Jan in einer Ansage, sei es das erste Mal gewesen, das wirklich viele in Schwarz gekleidet in den Reihen saßen und so traute er sich das ein oder andere mehr zu sagen, was in anderen Städten verschwiegen wurde. Beim ASP Cover "Ungeschickte Liebesbriefe" brachte Jonathan seine "Beatboxfähigkeiten" mit ein. Über ein Micro, das einer kleinen Box angeschlossen war, untermalte er den Song mit etwas dominanteren Tönen. Er musste gut Gegenhalten, denn die Sopranstimmen von Luna, Alina und Léa hatten mächtig Power. Dafür gab es später im Set noch einen ordentlichen Beweis. Mit OstFront´s "Bitte Schlag Mich" ging es weiter im Set. Wenn man das Original kennt, und das dazugehörige Musikvideo, dann kann man den Bezug von Stimmgewalt zu OstFront verstehen, denn Jan ist im Clip zum Song mit dabei. Zudem waren Stimmgewalt schon oft Gäste bei Shows der Band.

Dann kam es zum ersten englischen Track des Abends. Dieser nannte sich "Charity" und stammt von Moran Magal. Das ist eine Sängerin aus Israel, die mir bis dato komplett unbekannt war. Der Song hatte aber eine gewisse Botschaft und solltet ihr euch in jedem Fall geben. Dann gibt es aber auch die umgedrehte Variante, wo das Original nicht einmal im Ansatz so geil ist, wie die Version von Stimmgewalt. Anne durfte "Gettin´ Angry" von Feline & Strange singen. Wie sie das getan hat, mit was für einer Power in der Stimme und wie geil sie dabei von den Anderen begleitet wurde, das hatte richtig Kraft und Druck und so geile Screams, das man praktisch in den Sitz gedrückt wurde, von der Wucht die der Song hatte. Ich hab mir dann das Original dazu angehört und eigentlich nur Anne ihre Powerstimme im Vergleich dazu im Kopf, die den Song mehr gut getan hat. Vor der kleinen Pause gab es noch "The Irish Ballad", im Original von Tom Lehrer, wo fast jeder einmal nach Vorne treten durfte und eine Strophe sang. Dazu gab es eine kleine Choreo, die den Song etwas untermalt hat. Direkt vor der Pause gab es dann einen Mix von "Tourdion" und dem "Palästinalied". Dann gab es 15 - 20 Minuten Pause und man konnte die ersten Eindrücke wirken lassen. Ich war jetzt schon total baff und konnte nicht im Ansatz erahnen, was noch folgen sollte.

Zum Beginn des zweiten Sets standen Stimmgewalt in vier Dreiergruppen aufgeteilt überall in der Kirche verteilt. Zwei Dreierpaare waren auf den Emporen, ein Dreierpaar hinten und ein Dreierpaar auf dem Pfarreraltar stehend. Gemeinsam sangen sie "Salz In Meinen Wunden". Durch diese Aufteilung ergab es ein ganz besonderes Klangbild. Der Song selbst schaukelte sich immer mehr ins Laute und so wurden die Stimmen immer und immer kräftiger. So etwas habe ich in der Form noch nicht erlebt und ich war tiefst beeindruckt von der Dynamik. Das hatte richtig Pfeffer! Direkt danach wurde es sanfter und leiser mit "Enjoy The Silence" von Depeche Mode. Die Version wurde etwas abgeändert, sollte aber die Stimmung nicht verfehlen, denn durch diese ganz besonderen Akzente, hat der Song seine eigene Stimmgewaltnote bekommen. Das Flüstern am Ende sorgte noch einmal für zusätzliche Gänsehaut. Die ging dann bei "Feel Again" von Moran Magal in Vibrationen der Haut über. Zu Beginn des Tracks sorgten die Vibratotöne der Basssektion Jan, Ferdi und Matthias für unglaubliche tiefe Töne. Und in diesem Song konnte man die zwölf Sängerinnen und Sänger beobachten, wie unterschiedlich sie die Musik lieben und leben. Jeder zeigte eine gewisse Art von Emotion in dem Stück. Sehr interessantes und leidenschaftliches Lied, was man sich durchaus öfter anhören kann.

Das gilt dann aber auch für eine "Premiere" auf dieser Tour. In den anderen Städten gab es den Song bereits live zu hören, in Berlin bisher noch nicht. "Hautlos" - der erste eigene Song von Stimmgewalt wurde vorgetragen. Wo auch immer Anne im Songwriting die Idee her hatte solch einen Song zu verfassen, sie sollte das häufiger machen. Der Song hat so eine geile Message und berührt sofort. Das "musikalische Bett", in das der Text gelegt wird, haut einen förmlich um. Die Soprantöne sind unfassbar hoch, aber melodiös und so auf den Punkt. Die Silben, die gesungen werden, erinnerten stark an Van Canto, die einen kleinen Einfluss in dem Song hinterlassen haben. Absolute Granatenstimmen und ein Ohrwurm, der mir bis heute nicht aus den Ohren ging. Es gab zurecht großen Applaus für dieses Stück! Wo man dann schon in den Van Canto Silben war, so konnte man gleich einen Song von der Band hinterher packen. "The Last Knight Of The Kings" ist eine sehr schöne Ballade und Jonathan hat sie über die letzten Jahre immer besser drauf bekommen. Er singt den Hauptpart des Songs, der überraschenderweise dann in einen zweiten Song überging. "Rebellion" von Grave Digger schlich sich plötzlich mit ein. Und ganz ehrlich... als Metalhead will man in dem Song eigentlich abgehen und mitmachen... ihr glaubt gar nicht wie schwer das gefallen ist, auf dem Stuhl ruhig zu bleiben. Man durfte ja nicht einmal mitsingen, denn das Konzert wurde per Richtmikros aufgenommen und später auf USB Sticks gezogen, die man erwerben konnte.

Orphaned Land sind starke Wegbegleiter von Stimmgewalt. So wurde natürlich ein Song der sehr bekannten Metalband gewählt, der sich gut arrangieren lies und eine Message hat. Die Wahl fiel auf "All Is One", einen Song der zeigt, das alle Religionen im Grunde eigentlich gleich sind. Schon das Original, mit diesen orientalischen Einflüssen ist ein Brett. Wie Stimmgewalt diese Melodien mit ihren Stimmen umgesetzt haben, das ist beeindruckend und verdient tiefsten Respekt! Das gilt auch für die starke Interpretation von einem Rolling Stones Klassiker. Als die Ansage zu "Paint It Black" kam, musste ich erst einmal schlucken - da wagen sie sich echt ran? Und sie haben es verdammt gut getan. Steffi und Matthias waren die Hauptsänger in dem Stück und Jan kam später mit einer so derbst geilen tiefen Stimme dazu, da staunte man nicht schlecht. Wo auch immer er diese Töne hergeholt hat, damit hatte er alle übertönt und für WOW Momente gesorgt. Zum Finale gab es dann den Klassiker "Hallelujah", der natürlich in Kirchen immer gut kommt.

Es folgten nach starkem Applaus noch zwei Zugaben. Zum Einen gab es den witzigen Beersong, den Robert sang und die Anderen alle eine lustige Choreo dazu spielten, während sie die Melodien sangen. Der Song wird von Part zu Part immer schneller und es ist stark zu beobachten, wie die jungsche Formation spielend damit fertig wird. Als Finale folgte dann eine noch größere Überraschung. "Mein Kleiner Grüner Kaktus", im Original von den Comedian Harmonists, sorgte bei der Ansage für ein paar herliche Lacher, aber als dann losgelegt wurde, verstummten viele Zuschauer. Die Version war düsterer und hatte noch eine kleine Zugabe eingebaut: "Veronika, der Lenz ist da". Eine absolut tolle Mischung und super interpretiert. Damit war dann leider das offizielle Set schon vorbei. Man hätte noch viele Stunden weiter hören können, doch die Stimmen müssen auch wieder geschont werden. Allerdings gab es einen Bonus. Während der Show durfte nicht fotografiert werden, da sonst diese Nebengeräusche auf der Aufnahme gewesen wären. So entschied man sich noch einen Fotografensong zu performen, wo fleißig Bilder geschossen werden durften. Und da freute ich mich sehr, denn es gab noch einmal "Hautlos" auf die Ohren.

Danach gab es für das begeisterte Publikum keine Grenzen mehre. Mehrere Minuten wurde applaudiert, die Band erhielt Rosen und es gab Standing Ovation. Verdient!! Die Setlist war eine tolle Mischung, die Darbietung großartig... die Location gut gewählt... ein toller Konzertabend und es schreit definitiv nach einer Fortsetzungspflicht! Ich danke für dieses tolle Erlebnis und bin gespannt, was aus dem Stimmgewalt HardChor demnächst noch für Töne kommen werden.

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