Review

LOW FLYING HAWKS - Genkaku19.10.2017

LOW FLYING HAWKS - Genkaku

LOW FLYING HAWKS - Genkaku

verfasst von Paul S. (Gastreviewer)

Schubladendenken ist immer für den Arsch. Im Falle von Musik gibt es aber wenigstens eine kleine Grundahnung, was da so auf einen zu kommt. Und als auf der Liste der neuen Alben dieses Planeten plötzlich hieß "Ambient Metal" hat meine wenigkeit ganz laut "Hier!" geschrieben. Vielleicht auch mit der wagen Hoffnung, endlich unter den Namen "Darkspace" einen weiteren Namen auf die ewige Liste schreiben zu dürfen. Tja, dit wars halt nisch. Am Ende kam ich mit einem der besten Doom-Metal-Alben dieses Jahres raus.

Bevor wir hier auf die Vorzüge dieses feinen Machwerks eingehen, muss ich leider meinen ersten Gedanken beim Anblick des Covers breit treten: "Hui! Der Wald steht Kopf! Goil!". Damit ist das jetzt auch raus. Sorry, man muss auch mal im Kopf etwas Feierabend haben. Äh wo war ich grad? Ach ja: "Genkaku"
(Ja ich weiß, wie schlecht diese Überleitung war. Aber besser ich spare an dieser Überleitung, als an dem Inhalt dieser Kritk).

Zu aller erst eine Verbraucher-Information: Doom ist einfach nicht Jedermanns Sache. Und wenn es eine Stil-Richtung im großen Bällebad der Stromguitarren-Msik gibt, in die man erst über Zeit einen Zugang findet, dann ist es diese. Und obgleich es Doom ist, ballert dieses Schmuckstück dem geneigten Hörer sehr viele Passagen um die Ohren, welche aus dem Grundkonzept vollkommen ausbrechen und dem Doom-Stil Ihren eigenen Stempel aufdrücken. Und dies tun die beiden Herren mit einer solchen Spielfreude, dass diese aus jeder Pore des Silberlings trieft - was es allerdings auch relativ schwer macht, passende beschreibungen für das Ganze zu finden.

Zäumen wir das Pferd mal von Hinten auf und lenken es Vorne mit Dingen die es kennt ab, und beschäftigen uns erstmal den wirklich, wirklich, wirklich offensichtlichen Vorbildern. Und da haben wir auch gleich ein hüpfendes Komma, was die Band schonmal mit letzteren richtig macht: Es ist tatsächlich möglich, zu Teilen wie seine klar-ersichtlichen Idole zu klingen, ohne sich dadurch zur stumpfen Einheitsmasse herunter zu degradieren (ja, liebe 3 Millionen Nightswish-esken Bands, ich meine euch! Wenn da keine Seele drin steckt könnt ihr noch so professionel sein - ihr bleibt trotzdem genau so brauchbar, wie die 56-tausenste Spiderman-Neuverfilmung). (man tat das gut). Die Tiefflieger (höhö Wortwitz) sind ganz klar Fans von Katatonia. Also in einigen Passagen. Und in wieder anderen könnte man glatt denken, man hätte den progressiven, älteren und gesetzeren Bruder von Electic Wizard vor sich.

Ob der Grundstimmung von "Genkaku" ist man als Musikalischer Genießer fast schon geneigt,  diesen Tonträger bequem sitzend in einem Ledersessel, adäquat gekleidet mit einem Glas Wein zu verköstigen. Was ein sehr guter Vergleich ist, den ebenso wie ein guter Wein, entfaltet "Genkaku" bei längerem und wiederholtem Hören erst seine gesamte Palette  an musikalischen Einfällen (Und nein, der Vergleich ist wirklich kein Quatsch. Macht mal bei Gelegenheit eine Weinverkostung mit und ihr werdet sehen was ich meine). (okay, man kann den oben angeführten Vergleich auch mit einem Glas Craftbeer machen, wenn man keinen Wein mag). Jemand sollte einfach mal dem Label von den Hawks sagen, dass es der Vermarktung des Albums zuträglich wäre, wenn sie das Wort "Progessiv" vor "Doom Metal" schreiben: Von Song zu Song und mitten in den Songs wechseln Melodien, Rhythmen und Takte das eine wahre Freude ist. Mal führt die Musik den Zuhörer über einen Jahrmarkt mit einem Kurzbesuch in einer herrlich klischeehaften Freak-Show der 20er - dann stolpert man in einen US-Amerikanischen Rockerclub im Stil von "Full Throttle" - nur um an anderer Stelle von Riffattacken einen Berg schweren Schrittes hoch getrieben zu werden und dabei Reinhold Messner Tod zu treten.

"Genkaku" ist vielfältig. Sehr vielfältig. Fast schon so vielfältig, wie einen Menschenmasse an einem warmen Sommertag auf dem Berliner Alexanderplatz. So vielfältig, dass ich jetzt einfach nochmal eine musikalische Stilbeschreibung der Musik während der oben genannten Rockerkneipe aufführe: Texanischer Groove-Stahl. Man wird förmlich von Vorfreude erschlagen, wenn der Musikfluss für einige Sekunden ins Stocken gerät und damit den nächsten Melodiewechsel ankündigt. Was auch gleichzeitig ....

...und da kommen wir zur Kritik - was auch gleichzeitig die eigentliche Krux von dieser Langspielplatte ist: Es gibt leider Passagen - und ich hasse es das leider, leider sagen zu müssen, weil ich dieses Album eigentlich abfeiere - die zwar handwerklich, wie der Rest des Albums, sehr gut sind, aber durch die Albenstruktur einfach zu lang wirken. Und ja, dass habe ich jetzt wirklich über eine Doom-Metal-Scheibe gesagt. Die Low Flying Hawks haben die Vorfreude-Technik in "Genkaku" auf die Spitze getrieben. Und zwar so weit, dass diese etwas längeren Passagen zwischen den wirklich musikalisch GENIALEN Passagen einfach zu nerven beginnen. Und das verstärkt sich beim mehrmaligen Hören nur noch.

Man hätte es bei dem Vorfreude-Abschnitt im letzten Song des Albums ("Sinister Waves") belassen sollen. Und der ist die wahre Perfektiond er Vorfreuden-Taktik: Die dauert geschlagene 2,5 Minuten, die sich wie 3 Stunden anfühlen! Und eben genau dadurch entsteht eine solche unbändige Freude über diesen, sich anschließenden, für mich besten Abschnitt des kompletten Albums, dass man sich einfach nur noch wünscht, es würde weiter gehen. Die Euphorie ergreift den Zuhörer derat, dass ich mich wundern würde, nur eine Person zu finden, die nicht sofort auf die Replay-Taste gehauen hat. (würde man jetzt aus diesem letzen Abschnitt des Textes die Musikworte rausnehmen, könnten man meinen, ich würde hier über den Fall der Berlinder Mauer sprechen). Aber ja, die langen Zwischenpassagen nerven.

So. Da ham mas ja! War noch was? .... Oh. Also die Soundqualität ist... gut? Nein die ist wirklich gut. Schön eingespielt, gibt nichts zu meckern. "Genkaku" stampft schön wuchtig wie die Kugeln der Dicken Berta durch den Raum - also genau so wie ich meine Doom-Platten halt mag. Alles in allem haben wir hier eine klare Empfehlung für Freunde des Doom Metals und eine recht interessante Einstiegsdroge, falls man mal wissen will was das Ganze Gedröhne nun eigentlich ist.

Wenn ich den Low Flying Hawks einen Wunsch zu kommen lassen könnte, so wäre es dieser: Die Herren, das war jetzt der Probelauf mit 7,5 von 10 durch den Raum stampfenden Riffbrechern. Und beim nächsten Mal bitte die volle Arschbombe in die Prog-Doom-Wundertüte. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss die Replay-Taste drücken.

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