Review

HALESTORM - Vicious 29.07.2018

HALESTORM - Vicious

HALESTORM - Vicious

verfasst von Laura L.

Mehr als 14 Jahre touren Halestorm nun schon in der heutigen Besetzung um die Welt und am 27.7.2018 erschien endlich der langersehnte vierte Longplayer der aus Pennsylvania stammenden Rockformation. "Vicious" heißt das gute Stück in das Lzzy Hale (vocals, guitar), Joe Hottinger (guitar, vocals), Josh Smith (bass, vocals) and Arejay Hale (drums, vocals) definitiv viel Arbeit, Zeit und Schweiß gesteckt haben und meiner Meinung nach zahlt sich dies definitiv aus. Schon Anfang 2017 begaben sich die Vier in das Rock Falcon Studio von Nick Raskulinecz, einem  mehrfach Grammy-prämierten Producer der vielen Musikkennern ein Begriff sein wird, da er mit seiner grandiosen Arbeit schon Bands wie Foo Fighters, Evanescence, Deftones, Alice in Chains oder Korn zu großem Erfolg verholfen hat. Um auszutesten, ob sie mit Nick Raskulinecz auf einer Wellenlänge schwimmen, ließ Halestorm ihre 2017 erschienene Cover EP, "ReAniMate 3.0: The CoVeRs eP" von ihm produzieren und seit dem ersten Hören dieser Songs habe ich gehofft, dass die Fünf auch wieder für das neue full-length Album zusammenkommen.

So ist es nun glücklicherweise gekommen und Nick Raskulinecz, der sich selbst als großen Fan der Band bezeichnet und sich schon einige Mal von deren Live-Qualitäten überzeugt hat, durfte sich daran versuchen genau diesen unvergleichbaren Live-Sound auf ein Studioalbum zu transformieren. Auf den vorherigen Alben ist dies leider nie wirklich gelungen, was auch schon Corey Taylor (Stone Sour), als guter Freund der Band, in einem Interview aus dem Jahr 2014 anbrachte. Producer Jay Joyce brachte die Band mit dem letzen Album "Into The Wild Life" schon in die richtige Richtung, aber trotzdem fehlte noch das gewisse Etwas und der härtere Rocksound ging auf diesem Album etwas verloren. Ein Fakt den ich persönlich keinesfalls bemängeln will, da ich "Into The Wild Life" als eines der besten Alben der letzten Jahre ansehe. Von anderen Seiten hagelte es zum Teil jedoch Kritik, dass der Umzug mehrere Bandmitglieder ins country-lastige Nashville wohl zu sehr abgefärbt hätte und das Album zu glatt poliert klang. All jenen kann ich nur empfehlen sich jetzt "Vicious" anzuhören, da es wohl das härteste Halestorm Album bis dato ist und einem oftmals das Gefühl vermittelt just in diesem Moment vorne in der allerersten Reihe beim Konzert zu stehen.

Los geht es mit "Black Vultures", einem mitreißenden, fast metallischen Song, den man schon seit Ende Januar im Live Set der Band finden konnte und somit einen tollen Vorgeschmack auf das neue Album lieferte. Trotz gewonnener Härte stellt dieses Lied einen guten Schnittpunkt zwischen den alten Alben und "Vicious" her. Die Band sagt selbst, dass ihnen bis zu dem Tag als sie "Black Vultures" zum ersten Mal live gespielt haben, gar nicht wirklich bewusst war, wie viel härter das neue Album geworden ist. Definitiv ein toller Opener, der auch schon viel von Arejay Hale´s Können hinter dem Drumset zeigt. Macht Lust auf Mehr - und das bekommen wir sogleich mit "Skulls", einem gesellschaftskritischen Song mit ganz viel Attitude. Langweilig wird einem während dem Hören dieses Songs garantiert nicht. Zwischen einer fast rappenden Lzzy Hale, die im nächsten Moment wieder richtig durch die Boxen röhrt, geilen Gitarrenriffs, Kinderstimmen die den Refrain mit "2, 3, Go" einzählen und Orgelsounds wird einem hier richtig viel geboten. Ein Song der live sicherlich verdammt viel Spaß machen wird.
"Uncomfortable" heißt der nächste Track, der zudem die erste Singleauskopplung darstellte. Meiner Meinung nach war das nicht unbedingt die beste Entscheidung, da der Refrain doch sehr gewöhnungsbedürftig ist. Das ändert aber nichts daran, dass der Song mit seinen tempogeladenen Strophen und dann wieder ruhigerem Refrain und Bridge einen tollen Sound hat, bei dem vor allem Josh Smith am Bass und Arejay Hale am Schlagzeug glänzen dürfen. Die Idee zum Text kam Lzzy Hale als sie sich letztes Jahr einen Kurzhaarschnitt verpassen lies und dies irgendwie mehr (oft negative) mediale Aufmerksamkeit nach sich zog, als vielleicht eine neue Single. Sie hatte das Gefühl, dass sie, egal was sie macht, Unbehagen in vielen Menschen auslöst. Also versuchen wir einfach es nicht mehr jedem gerecht zu machen, das klappt eh nicht. Na dann legen wir mal los: In "Uncomfortable" singt Lzzy noch "I do it cuz you fight it and I know you don´t like it when I open up and talk about sex" und bei den nächsten drei Songs, die zu meinen Favoriten zählen, geht es dann auch sogleich um das Thema Sex.

Mit "Buzz" geht es erstmal noch jugendfrei, aber mit einem unglaublich guten Spannungsaufbau los, der in einem Refrain endet, welcher sofort ins Ohr geht. Mit dem bluesigen Sound und dem Einsatz einer Talkbox erinnert der Song an Black Stone Cherry und es fällt einem schwer ruhig sitzen zu bleiben. Am Ende haucht Lzzy "I like it" und dem kann ich nur zustimmen.

"Do Not Disturb" - wie es schon der Titel erahnen lässt wird es expliziter und kleine Kinder sollten jetzt vielleicht lieber den Raum verlassen. Lzzy nimmt hier kein Blatt vor den Mund und berichtet von einer heißen Nacht mit einem (oder vielleicht sogar zwei) Fremden im Hotelzimmer 1334. Der zum Teil sehr direkte Songtext, der aber auch Raum für Spekulationen lässt, das anrüchige Stöhnen in der Mitte des Songs und der langsame, fesselnde Groove geben einem alleine schon vom Hören das Verlangen nach einer Zigarette danach. Diese Gefühl dürfte sich noch verschärft haben, nachdem Lzzy offenbart hat, dass sich diese Nacht genau so in einem Hotel in Europa ereignet hat - na fühlt sich jemand angesprochen? ;)

Kommen wir zu "Conflicted", einem Song der anders klingt als jeder andere Halestorm Song zuvor, dies könnte daran liegen, dass sie die Grundidee von einem anderen Songwriter bekommen haben. Laut Joe Hottinger hat sie der Aufnahmeprozess dieses Tracks dann aber im wahrsten Sinne des Wortes hin- und hergerissen. Es wurden viele verschiedene Versionen aufgenommen, die finale Version aber quasi erst 5 vor 12 und das zeigt mal wieder, dass diese Band unter Druck am besten arbeiten kann. Das Zusammenspiel und der perfekte Mix von akustischer und elektrischer Gitarre, einer Stimmfarbe die ich so noch nicht von Lzzy kannte und grandioser, subtiler Lyricarbeit machen diesen Song zu meinem Favoriten dieses Albums. Eine Freundin bezeichnete "Conflicted" treffend als "Do Not Disturb´s" dirty litte secret - hört es euch an! Den nächsten Track "Killing Ourselves to Live" sehen viele als stärksten Track auf dem Album an. Mich persönlich berührt er jetzt zumindest zu Hause in meinem kleinen Kämmerchen noch nicht so sehr. Ich kann mir den Song aber sehr gut in einem ausverkauftem Stadion vorstellen in dem vereint der Refrain gesungen wird und kräftig die Arme nach oben gerissen werden. Highlight für mich ist in diesem Song definitiv Joe´s hammermäßiges Gitarrensolo, welches definitiv dafür sorgen wird, dass ihm noch mehr weibliche Fans verfallen.

Mit "Heart of Novocaine" kommen wir zu meinem zweiten Favoriten auf "Vicious". Unbearbeitete, gefühlvolle, vielleicht sogar verletzliche Emotionen und ein eindringlicher akustischer Gitarrensound sorgen für Gänsehautgarantie. Der Fakt, dass hier auf dem Album letztendlich eine sehr frühe Gesangsaufnahme von Lzzy gelandet ist, macht es zu einem ganz besonderen Song der direkt unter die Haut geht. Die Aufnahme, die eigentlich nur für die Band zum Arbeiten gedacht war, brachte Nick Raskulinecz im Studio zum weinen und so entschied er sich genau diese tolle Momentaufnahme der Entstehung des Albums mit uns zu teilen. Meiner Meinung nach macht genau dies das Lied zu einem besonderen und verdammt guten Rocksong. Es geht nicht immer darum immer alle Noten perfekt zu treffen, sondern darum wahre Gefühle und Emotionen zu vermitteln, einzigartige Momente zu schaffen. Genau diesen Anspruch hat Nick Raskulinecz an die Band gestellt und das ist einer der Gründe warum dieses Album so unfassbar gut geworden ist. Legt die Taschentücher bereit bevor ich euch "Heart of Novocaine" anhört.

Das Halestorm problemlos Judas Priest Songs schmettern können haben sie mit ihrem Cover von "Dissident Aggressor" auf der 2013 erschienenen "ReAniMate 2.0- The CoVeRs eP" bewiesen. Der nächste Song "Painkiller" ist jedoch kein weiterer Priest Covertrack, sondern ein solider eigener Song der Band. Für mich auf dem Album am unauffälligsten und somit wahrscheinlich der Song der mir am wenigsten gefällt, schlecht ist aber auch dieser nicht und dürfte live bestimmt trotzdem viel Spaß machen.

"White Dress" stellt einen tollen Frauen - Empowerment Song dar, in dem Lzzy jeden dazu ermutigt sich nicht für andere zu verstellen, nur um den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden und im Strom mit schwimmen zu können. "I´m not the girl in the white dress. I´m not your fairytale princess. I´m sorry, mama, that I made you cry" "I´ll never be, I´ll never be all of the things that you need me to be" - toller Text! Auch das Zusammenspiel von Joe´s Gitarrenspiel und Lzzy´s Gesang am Ende des Songs gefällt mir sehr gut.

Als vorletzten Song bekommen wir jetzt den Titelsong des Albums. Tatsächlich war "Vicious" der letzte Track den die Band geschrieben hat, als der Rest des Albums (welches eigentlich Black Vultures genannt werden sollte) schon fertig war. "What doesn´t kill me makes me... vicious" - das Wortspiel mit Nietzsche´s "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." ist fantastisch und passt einfach auch perfekt zum Grundton des Albums. Was die Studioaufnahme des Tracks angeht bin ich aber leider etwas enttäuscht. Wenige Wochen vor Erscheinen des Albums haben Halestorm diesen Track schon akustisch auf einer Presseveranstaltung vorgestellt und haben mich damit total umgehauen. Auf der Platte wirkt der Song aber irgendwie zu nett, irgendwie überhaupt nicht bösartig. Vielleicht war dies der fehlenden Zeit zum Ende der Studioarbeiten geschuldet. Hoffen wir, dass die Liveversion wieder zähnefletschender wird.

Eigentlich sollte nach 11 Tracks Schluss sein, die Band hat sich aber glücklicherweise doch dazu entschieden das Album mit einer gefühlvollen Ballade zu beschließen. Die Idee zu "The Silence" schwirrte schon seit Jahren in den Köpfen von Lzzy und Joe herum, aber sie haben lange auf den richtigen Augenblick gewartet um dieses sehr ehrliche, persönliche und tiefgründige Liebeslied der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Setlisten der letzten Monate beinhalten immer wieder Songs wie Adele´s "Someone Like You" oder Bette Midler´s "The Rose". Songs die man sicherlich nicht unbedingt auf einem Halestorm Konzert erwarten würde, aber sie funktionieren nicht nur dank Lzzy´s unvergleichlich starken, aber zugleich gefühlvollen Stimme. Ich denke die positive Resonanz nach diesen Live-Covers hat die Band bestärkt jetzt auch "The Silence" zu präsentieren und ich freu mich über diesen tollen Abschluss des Albums.

Alles in allem bietet "Vicious" das perfekte Gesamtpaket. Die abwechslungsreichen Songs gehen alle gut ins Ohr, dürften damit auch sehr radiotauglich sein, Lzzy´s Stimme klingt atemberaubend (und das vor allem ohne große Nachbearbeitung), es ist energievoll und emotionsgeladen zugleich und es wurden immer wieder tolle herausstechende Momente kreiert. Fans dürfte es vor allem freuen, dass sie sich in den Texten mehr als je zuvor wieder finden können. Lzzy macht keinen Hehl daraus, dass sie die Inspiration zu vielen Songs aus den, zum Teil sehr persönlichen, Twitter-Konversationen, mit den Fans zieht. Fannähe at it´s best - von welcher Band in dieser Größenordnung kann man das noch behaupten? Einen kleinen Kritikpunkt hätte ich dann aber doch noch - wie wäre es mal mit einem Drum- oder Basssolo auf dem nächsten Album? Die meiste Aufmerksamkeit bekommen stets Lzzy und Joe, dass aber auch Arejay und Josh Meister ihrer Instrumente sind, kann jeder auf den Liveshows erleben und sie hätten gewiss ein paar Soli auf dem nächsten Album verdient.

Zum grandiosen Artwork kann noch gesagt werden, dass es nicht passender sein könnte, da es so divers verstanden werden kann wie auch das Album ist. Sind die Hände wie "Black Vultures", die Lzzy angreifen oder ist es eine "Do Not Disturb" Situation die sie genießt und bei ihr den gewissen "Buzz" auslöst, andere aber vielleicht "Uncomfortable" macht? Wir werden es wohl nie erfahren. Ach und für jeden der sich beschwert, dass nur die Frontfrau und nicht die gesamte Band auf dem Cover zu sehen ist, dem sei gesagt, dass er mal versuchen sollte einige der Hände Joe, Josh und Arejay zuzuordnen, vielleicht werdet ihr fündig ;)

Wer jetzt noch nicht genug hat, bestellt sich die Vinyl, die aus produktionstechnischen Gründen erst im Herbst rauskommen wird, dafür aber mit ganzen 4 Bonustracks entschädigt - na wenn das nichts ist!


Tracklist:

01. Black Vultures
02. Skulls
03. Uncomfortable
04. Buzz
05. Do Not Disturb
06. Conflicted
07. Killing Ourselves To Live
08. Heart of Novocaine
09. Painkiller
10. White Dress
11. Vicious
12. The Silence

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