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ASP - Verfallen. Folge 1: Astoria13.11.2015

ASP - Verfallen. Folge 1: Astoria

ASP - Verfallen. Folge 1: Astoria

verfasst von Karla the Fox

Alexander Spreng, Mastermind der Formation ASP, kreiert ein Gesamtkunstwerk von Album nach dem anderen. Auch Astoria ist mehr als bloß ein Konzeptalbum. Es ist der Soundtrack zu einer Geschichte, die durch die Weise, wie sie umgesetzt wurde, eigentlich unerzählbar ist. Die ganze Sache basiert auf der Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen", nur wie nah es inhaltlich oder von der Bedeutung an diese Story von Kai Meyer rankommt, kann ich gar nicht sagen. Vom Grundriss geht es um das Hotel Astoria in Leipzig, das einstmals sehr wichtig für die Gesellschaft war und besonders zum Feiern in der Nacht gut frequentiert wurde. Der Hauptcharakter zieht aus Berlin dort hin, doch was er dann erlebt, oder wovon Alexanders Stimme singt, ist vielseitig interpretierbar. Viele Aussagen ergeben erst Sinn, wenn man es einmal komplett gehört hat. In dieser Hinsicht ist Astoria also auch mehr ein Film als ein Album einer Rockband. Am Ende wird verraten "Fortsetzung Folgt" und da im Titel schon das "Folge 1" steckt, basteln sich ASP einen doppelt gesicherten Cliffhanger, der eine große Zahl von Hörern dazu bewegen wird, sich sofort auf die zweite Folge zu stürzen, sobald sie erscheinen wird, ähnlich wie bei einer Fantasy-Buchreihe. Das ist es nämlich irgendwie auch. Und ein Musical. Also ist Astoria einfach alles an Kunst, was man sich irgendwie vorstellen kann.

Besagter Protagonist nennt sich also Paul und zieht, als junger, etwas verlorener, Mann mit dem Zug (wunderbar musikalisch dargestellt in "Zwischentine - Ich nenne mich Paul") ins Leipziger Hotel Astoria. Er wohnt dort nicht als Gast, sondern als Hausmeister wenn ich den Text richtig verstanden habe. Aus dieser Rolle beobachtet er die Gäste und ist beispielsweise vollkommen hingerissen von einer mysteriösen Dame, mit der er in "Zwischentine - Lift" einen imaginären Tango tanzt. Diese Zwischentinen sind die den Inhalt schnell voranbringenden Lieder der Geschichte. Die anderen sind 'normaler', wiederholen sich, und tragen größtenteils für die Stimmung bei. Wobei hier nichts aus einem Guss ist, außer der bleibenden Stimmung des Unbehagen, so als ob jederzeit etwas noch Verrückteres, Unerklärlicheres geschehen wird. Dabei ist alles, was explizit erzählt wird, sogar relativ schablonenhaft. Paul wird vom Geist des Hotels heimgesucht. Dieser führt ihn in einen Keller und scheint ihm einen Auftrag zu geben. Ich bin mir ja nicht ganz sicher, ob es der Geist ist (oder die Geistin, denn die Gute ist die Seele des Hauses, Astoria) oder die Dame, mit der Paul Tango tanzen will, die ihn letztlich zu der Tat verleitet, die in "Loreley" besungen wird. Erst jetzt, nach diesem elfeinhalb Minuten langen Track, erkenne ich Bedeutung von "Souvenir, Souvenir" zur Gänze, die sogar nach dieser Feststellung genial doppeldeutig bleibt. Lasst mich nur sagen, dass nie so ganz klar ist, ob die weiblichen Gegenspieler von Paul aus Fleisch und Blut oder der Geist des Hauses/das Haus selbst sind. Jedenfalls ganz großartiges Gothic-Kino.

Für diese Art von Kunst braucht man Zeit und man muss zuhören. Kommt bloß nicht auf die Idee, nur der Hälfte des Textes zu lauschen, ihr werdet verloren gehen. Keine Angst, man hat noch genug Chancen, sich in die schwere Spielwiese der Gitarren reinzuhören oder zu versuchen, die treibende Kraft auszumachen, die hinter der Musik steht. Vorhersehbar ist hier erstmal gar nichts. Ausgewählt als Ort des Schreckens wurde das Astoria übrigens weil es schon seit 20 Jahren leer steht. Eine bessere Kulisse gibt es wohl kaum. Und am Ende nehme ich die Kopfhörer runter, sage mir, ja, da ist ein guter Musiker mit einer guten Band am Start, die auf hohem Niveau musizieren. Aber wie schafft man es, aus einer solch tausendfach gehörten Geschichte etwas zu machen, was so undurchsichtig ist wie dieses Album? Das Geheimnis muss in der Wortwahl liegen, wird mir nach einer Weile deutlich. Irgendwas steckt in diesen Zeilen, das so zeitlos ist und neben sich steht, dass man nicht anders kann, als jeden Buchstaben individuell für sich selbst auszulegen. Holla die Waldfee... *atmet erst mal durch*

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