CD des Monats

Monat Februar: Nighwish - Imaginaerum01.02.2012

Nightwish - Imaginaerum

Da ist es nun also, das Album No. 2 a.T. (after Tarja) und gleichzeitig das Erste, an dem Tarja-Nachfolgerin Anette Olzon aktiv am Produktionsprozess beteiligt war (Dark Passion Play war ja bereits in trockenen Tüchern, als Anette dazu kam).

Ganze vier Jahre hat sich Meister Holopainen und seine Mannen Zeit gelassen und die Ankündigungen im Vorfeld deuteten bereits etwas ganz Großes an. Nicht nur das Album soll den Fan verzaubern, nein im Frühjahr soll der dazugehörige Film in die Kinos kommen.

Als Riesen Nightwish-Fan war ich regelrecht hippelig und konnte den Albumstart kaum abwarten. Als im Herbst auch die ersten Sekunden eines Songs zu hören waren, wurde dem geneigten Fan regelrecht der Mund wässrig gemacht. Und nun liegt das Werk vor mir. Mit "Taikatalvi" startet das Album ungewohnt und mysteriös. Eine Spieluhr wird aufgedreht und Basser/ Sänger Marco Hietala singt ein finnisches Lied. Ob es ein Volkslied, ein Kinderlied oder nur das Backrezept von Tuomas´ Mutter ist, kann uns wohl u.a. nur unser Kalle verklickern.

Gleich danach geht es aber mit der ersten Single-Auskopplung "Storytime" mit einem typischen Nightwish-Kracher im Geiste von "She is my Sin", "Amaranth" oder das mächtige "Wishmaster" in die Vollen. Anette legt gleich los und man merkt diesem Song schon an, dass das Album auf Anette zugeschnitten wurde. Düsterer geht es bei "Ghost Rive" zu, bei dem Gitarrist Empuu Vuorinen mit einem geilen Riff loslegt. Die düstere Stimmung merkt man vor allem durch Marcos aggressive Stimme im Refrain. Führt Anette wie ein mystischer Begleiter durch den Song, so wirkt Marco wie der böse Verführer. Kommt gut. Geiler wird es im zweiten Refrain, wenn sich ein Kinderchor einschaltet. Mit "Slow, Love, Slow" kommt der ungewöhnlichste Song in der Band-Historie. Anstatt noch mehr Bombast und Epik aufzufahren, gehen Nightwish quasi von Tempo 180 auf Tempo 30. Dieser Song ist ein angenehmer, jazziger Song, der eine überaschende Abwechslung bringt. Danach geht es mit "I want my Tears back" gleich wieder in die Vollen. Ein typischer Nightwish-Rocker, der aber mit den Pipes einen folkigen Touch erhält. Während die Strophen noch im Mid-Tempo recht ruhig daherkommen, dreht der Song in der Bridge und danach richtig auf. Innere Stimmen verraten mir, dass hier wohl ein weiterer Single-Kandidat ist. Mit "Scaretale" wird es nochmal düster. Kinderstimmen und bedrohliche Musik, die sich aufbaut. Danach kommt wieder der Kinderchor zum Einsatz - willkommen in der Welt von Tim Burton könnte man von der Musik her denken. Düster knallt es weiter aus den Boxen und hier kann Drummer Jukka Nevalainen richtig aufdrehen. Double-Bass wie ein Maschinen-Gewehr donnern am Anfang, um danach einen Punch in den Song zu geben, den viele Bands Jahre suchen. Auch Anette scheint richtig an diesem Song gehabt zu haben. Schluss mit lieblicher Stimme. Hier mimt die Sängerin eher die fiese Hexe. Schön böse Stimme. Mitten im Song kann Marco auch noch den Zirkusdirektor des "Cirque du Morbid" geben. Geiler Song mit vielen Abwechslungen drin.

"Arabesque" bietet wie "Slow, Love, Slow" eine willkommene Abwechslung in der Achterbahn-Fahrt, denn hierbei handelt es sich um ein instrumentales Intermezzo, dass dem Orchester und dem Chor Platz einräumt. "Turn Loose the Mermaids" ist das "The Islander" von diesem Album. Eine sanfte Ballade, die von akustischen Gitarren und Flöten getragen wird. Im Laufe des Songs baut sich das Orchester immer auf. Gänsehaut pur! Dass man nach einem solchen Song nicht gleich wieder mit Tempo 200 losknallen kann, dass weiß vor allem ein Meister-Komponist und so lässt er "Rest Calm" hauptsächlich im Mid-Tempo laufen. Jedoch wird das Tempo immer wieder angezogen um im Refrain dann komplett ruhig zu werden. Mit "The Crow, The Owl and the Dove" folgt wieder eine Ballade, die aber von der Atmosphäre richtig geil kommt. Einer meiner Lieblingstracks. Das Wechselspiel von Anette und Marco ist absolut perfekt. Und auch Holopainen-Intimus Troy Donockley, der auf diesem Album die Pipes und Flöten spielt kommt zu einem kurzen Gastgesang. Der Anfang von "Last Ride of the Day" waren die ersten Sekunden, die man im Herbst hören konnte. Typisch Nightwish. Knallender Anfang, in der Strophe ruhiger, dann wird in der Bridge aufgebaut, was im Refrain explodiert. Geiler Song. Tuomas Holopainen erklärt in jedem Interview, dass der Highlight-Song des Albums von seinem Lieblings-Dichter Walt Whitman inspiriert wurde. Jedoch sagt der Titel "Song of Myself" eigentlich bereits eine Menge über denjenigen aus, um den es hier eigentlich geht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Dieser Song ist der perfekte Nightwish-Song. Arrangement, Riffs, Gesang, etc. wurde perfekt aufeinander abgestimmt, so dass sich das größte Highlight (fast) am Schluss des Albums befindet. Den Abschluss bildet mit "Imaginaerum" ein Reprise aller Songs in der Instrumental-Version.

Fazit: Dachten viele, dass Nightwish nach dem Rausschmiss von Front-Sirene Tarja Turunen den Bach runtergehen, kamen die finnischen Meister mit dem Werk Dark Passion Play um die Ecke, auf dem sie nicht nur Neuzugang Anette Olzon erfolgreich einführten, sondern auch den epischen Part perfektionierten. Viele sahen dieses Album als DAS Meisterwerk von Nightwish an.

Jedoch kommt nun mit "Imaginaerum" das Opus Magnum von Nightwish. Hier ist alles zur Perfektion gereift. Vielleicht ist vielen der orchestrale-epische Anteil zuviel. Und hier liegt bei vielen Bands auch oft das Problem. Wenn Du ein Orchester einbaust, dann wandert man auf dem schmalen Grad zwischen Kitsch und Perfektion. Bands wie z.B. Rhapsody of Fire rutschen oftmals mit dieser Mischung in den Kitsch-Bereich ab. Wo hingegen Bands wie z.B. Blind Guardian den Kniff beherrschen.

Allerdings sind Nightwish hier die unangefochtenen Könige und es bedarf nun eines absoluten Meisterwerkes, um diese Band vom Thron zu stoßen.

In diesem Sinne
Rock On
Pat St. James