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THE GENTLE STORM - The Diary04.05.2015

THE GENTLE STORM - The Diary

THE GENTLE STORM - The Diary

verfasst von Karla the Fox

Im großen Rahmen der Kategorie Konzeptalbum gibt es bereits so einiges. Was Arjen A. Lucassen und Anneke van Giersbergen, neuerdings als Duo The Gentle Storm bekannt, sich überlegt haben, ist jedoch bahnbrechend neu. Am ehesten vergleichen könnte man ihr Doppelalbum The Diary noch mit einem Album, das zeitgleich in seiner "normalen" und seiner akustischen Form heraus kommt, aber so ganz passt das auch nicht. Das Konzept dieses einmaligen Tagebuchs lautet nämlich: Wir erzählen euch dieselbe Geschichte in zwei verschiedenen Variationen, einmal auf die sanfte Weise und einmal als Sturm.

Lucassen und van Giersbergen stammen aus Belgien. Sie sind bestens geübte Musiker, konzerterfahren und mit einer großen Gabe beschenkt. The Diary dürfte eine ihrer verrückteren Ideen sein. Der Inhalt dreht sich um zwei Liebende aus dem Holland des 17. Jahrhunderts. Ich kann´s nicht anders sagen, heilige Scheiße, die Epoche spürt man in jedem einzelnen Ton!

Gut, bei der Gentle-Version weitaus mehr als in den Storm-Liedern. Die Aufteilung funktioniert so, dass auf einer CD alle sanfteren ("gentle") Interpretationen der Songs zu finden sind, auf der anderen die rockigeren ("Storm"). Auf CD1 klingen sie wie wenn sie wirklich im 17. Jahrhundert gespielt wurden (waschechte Filmmusik, könnte man meinen), die Rockversion ist nicht so viel anders aber doch eindeutig aus unserer Zeit oder vielleicht eher dem letzten Jahrhundert. Und was mir als aller erstes auffällt und gefällt ist, dass ich diese Exotik liebe. The Gentle Storm haben nämlich auch indische Töne mit eingebaut ("Shores of India") oder solche die wie aus den 20er Jahren entsprungen sind, mit dieser lasziven Jazz-Attitude, damals noch revolutionär, skandalös.... es steckt einfach alles irgendwo irgendwie drin. Die Bandinfo gibt an, es würden sich über 40 Instrumente auf den Aufnahmen finden, manche davon so exotisch, dass sie keine Sau kennt. Ich würde darauf tippen, dass die sich großteils auf der Gentle-CD versteckt haben; die Storm-Version ist hauptsächlich gitarrenorientiert.

Der Gesang von Goldkehlchen Anneke verändert sich auf den beiden Versionen nicht. Nur zu gut macht dies deutlich, dass Gesangsstile nicht Genre-gebunden sind. Die sinfonische Natur ihrer Stimme ist ein Musterbeispiel für die Schnittstelle aus zeitloser Orchestermusik, die zu Unrecht einen Ruf der Verstaubtheit hat und des Heavy Metal, der ebenfalls zu Unrecht den Ruf der Brutalität hat. Ist doch beides Quatsch! The Diary ist ein Gegenbeweis, einer von vielen, aber derzeit wohl einer der Besten.

Leider wird Master-Songwriter Lucassen die Tour aus gesundheitlichen Gründen nicht begleiten. Orchester und Band werden seine Arrangements zum besten geben und van Giersbergen wird singen. Es würde mich interssieren, wie sie die Konzerte aufbauen. Immer abwechselnd Lieder in beiden Stilrichtungen? Mit dem ruhigen anfangen und dann ins heavyere wechseln? Total sprunghaft und nur mit Auszügen? Wer sie live spieln sieht, sagt mir bitte Bescheid...

Die Geschichtchen, die die beiden holländischen Liebenden da so durchmachen, sind tiefemotional. Bilder von Kostümdramen flackern vor dem inneren Auge auf, von der See, Häfen und schummrigen Kneipen, ein bisschen wie Fluch der Karibik, nur romantischer. Die Produktion ist so gekonnt und fehlerlos, dass ich darauf gar nicht einzugehen brauche. Hin und wieder ist es schade, dass die Storm-Variante nicht noch mehr in die Vollen geht sondern sich auf einem gesunden Mittelmaß bewegt, aber sei´s drum. Gibt auch genug Bands, die nicht müde werden, einem das Trommelfell rauszuhauen...

Warnung: Die gesamte Doppel-CD hintereinander zu hören, ist ein bisschen viel. Es ziiiiieht sich. Aber mein Geheimtipp an euch wäre, zur Entspannung die Gentle-Version einzulegen und einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Da bekomme ich doch gerade wegs Lust, mich auf den Weg ans Meer zu machen und Schiffe am Horizont zu betrachten.

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