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SCHLÜSSELKIND - Zeitgewehr15.06.2015

SCHLÜSSELKIND - Zeitgewehr

SCHLÜSSELKIND - Zeitgewehr

verfasst von Karla the Fox


Lust auf Deutschrock aus dem Süden Hessens? Dann holt mal eure Schlüssel raus! Bei Schlüsselkind handelt es sich um eine Gruppe, deren Mitglieder eigentlich schon seit 5 Jahren zusammen Musik machen (was in ihrem jungen Alter echt erstaundlich ist). Vor kurzem kam Neuzugang Lukas ins Boot, man gab sich den neuen Namen Schlüsselkind und legte nochmal offiziell ganz von vorne los. Erst diesen Frühling gegründet, gibt es am 10. Juli bereits den Release der ersten EP zu feiern: Zeitgewehr.

Was es mit dem Gewehr auf sich hat, ist mir noch ein Rätsel, doch um Zeit geht es bei den von Sängerin Leonie Jakobi geschriebenen Songs des Öfteren, wenn auch versteckt. Ob man bei "Sag's Voraus" in die Zukunft sehen will oder bei "24/7" mit der allgemeinen Zeitknappheit und dem Leistungsdruck der heutigen Zeit zu kämpfen hat, das Thema ist ein Wiederkehrendes, wie bei einem Gedichtezyklus. Das klingt gerade ein bisschen nach fortgeschrittenem Deutschunterricht, doch lustigerweise wären die Songtexte von Schlüsselkind sogar dafür geeignet. So stark die Aussagen auch sind, so unklar können sie beim ersten, vielleicht auch noch beim zweiten Hören sein. Auf die knalligen Melodien lässt sich gut Party machen, bestimmt kann den Refrain jeder nach dem zweiten Mal mitsingen, aber wenn man die Inhalte wirklich verstehen will, in all ihrer Tiefe und Vieldeutigkeit, braucht man mindestens drei Durchgänge des aktiven Lauschens und auch drüber Nachdenkens. An diesem "Zwiespalt" sind schon so manche Bands gescheitert und produzierten letztlich nur unverständlichen Kauderwelsch - nicht so Schlüsselkind.

Themenbeispiel: Das bereits angesprochene "24/7" nimmt, nicht ganz ohne Humor, den 'Zeitgeist' in den Schwitzkasten, in dem alles perfekt sein und sofort geschehen muss. Wo bleibt da noch die Zeit, um einfach mal man selbst zu sein? Oder die "Vergänglichkeit des Wegs". Zu der Single, die den letzten Track der EP darstellt, haben Schlüsselkind ein Video gedreht, dessen Hauptteil in einer antiken Ruine eine Amphitheaters passiert. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön; doch wo will man eigentlich hin? Hat man sich realistsiche Ziele gesetzt? Und weiß man den Aufstieg nach dort als solchen zu schätzen, kann man ihn einschätzen?
Während ich diese Zeilen hier schreibe, bin ich nicht einmal sicher, ob ich richtig interpretiere. Eindeutiger für alle dürfte der Song "Freiheit" sein. Die einzige Ballade der Veröffentlichung ist kein verschnulztes Liebeslied. Es behandelt das Ende einer Beziehung. Das Mädchen hat dem Jungen schon zu viele Fehler verziehen und zu viel Zeit(!) vergeudet mit dem ständigen Auf und Ab ihres Verhältnisses. Nun entlässt sie ihn endgültig in die Freiheit, doch immer wird ein Teil hängen bleiben und leicht fällt es ihr nicht. Sie lässt ihn nicht gerne gehen.

Was Frontfrau Leonie und ihre ebenfalls noch sehr jungen Kumpane da auf die Beine gestellt haben, muss sich nicht vor etablierten Acts des Deutschrock verstecken. Auch wenn der Gesang zu dominieren scheint, muss man sich einmal vorstellen, wie die Musik klingen würde, wenn die Instrumentalisten nicht so stark wären wie sie sind. Spielfreude und Energie zünden sofort und nicht nur die Gitarre hat immer wieder gelungene Auftritte.


Stilistisch ein Tanz zwischen Pop und rotzfrechem Rock, man würde sich mit Punks genauso gut verstehen wie mit den Freunden des anspruchsvollen Heavy Metal. So oder so eine Scheibe und Band, die man sich merkt und die sogar mit ihrem neuen Namen genau den Geist der Gegenwart trifft. Schlüsselkinder wird es immer mehr geben, die Eltern arbeiten beide, jeder ist ein bisschen auf sich gestellt und in kürzester Zeit erwachsen werden. Bei diesem Prozess könnten die Lieder von Schlüsselkind hilfreich sein.

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