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Krankheit - Sanatorium09.10.2014

Krankheit - Sanatorium

Krankheit - Sanatorium

verfasst von Karla The Fox

Der Name ist Programm: Dieses Album ist krank.

Aber wie von jeder sich heimlich, still und leise ausbreitenden Krankheit, geht eine starke Faszination davon aus. "Sanatorium" ist schon seit einer Zeit erhältlich, warten muss hier also niemand. Es handelt sich um sechs Songs, die die Band Krankheit als Debut-EP veröffentlicht haben sowie sechs neue Nummern, die den schaurig-bunten Mix abrunden.

Warnung zu Beginn: Dieses Album von kleinen Kindern fern halten. Und am besten auch vor allen, die panische Angst vor Puppen, Clowns und Co. haben. Mit genau solchen Effekten spielen Krankheit nämlich. Sie nehmen wohl bekannte, angenehm sanfte Melodien, die harmlos wirken, es aber irgendwie nicht sind. Die drei bekanntesten Stücke dürften "Die Hochzeit des Figaro" ("Figaros Schlachtfest"), "Guten Abend, Gute Nacht" und "Für Elise" sein. Ob noch weitere Stücke der Klassik entlehnt wurden, kann ich nicht garantieren. Man müsste die Hybriden jedoch alle daran erkennen, dass die klassischen Stücke altmodisch auf dem Piano eingespielt wurden. Ob diese live vom Band laufen, ist die Frage, denn Krankheit besteht nur aus einem Gitarristen, einem Schlagzeuger und einem Sänger.

Nochmal im Klartext: Krankheit nehmen altbekannte Musikstücke, schreiben einen neuen, abenteuerlich abgründigen Text dazu und zeichnen dann einen Mischung aus Klassik und Neuer Deutscher Härte auf, die es in sich hat. Gerade bei Stücken wie "Kranke(n)schwester" oder "Guten Abend, Gute Nacht" (in diesem Falle handelt es sich um den Totenschlaf) läuft es einem da eiskalt den Rücken runter. Wichtig ist, dass man nach dem ersten, befremdlichen, melodielosen "Tausendfüßler" nicht gleich abschaltet. Es lohnt sich, und wenn nur, weil niemand so schön das Wort "Scheiße" singen kann wie Sänger Chris in "Die Antwort".
Klassische Stücke sind nicht das einzige, was auf den Kopf gestellt wird. Auch unsere klassischen Aussagen. So wird aus dem Spiel "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" bei Krankheit ein "Weisser Mann", der dieselben schauerlichen Taten vorhat wie in dem so gesehen ziemlich unmoralischen Kinderspiel.

Bester Song meiner Meinung nach: Das sozialkritische "Für Elise", das den Schönheitswahn auf eigene Art und Weise verdammt und "Kranke(n)schwester", Enttäuschung des Albums: "Schlampe". Da geht es im Grunde nur um ein Mädchen, das seinen Freund betrügt und bis zum Anschlag belügt. Dieser beschimpft sie daraufhin gnadenlos, aber leider auch etwas geistlos.
Welches ursprüngliche Meisterwerk "Teufelsneurose 488" verkörpert, weiß ich nicht genau. Aber es soll aussehen wie eine der vielen durchnummerierten Sonaten, die die alten Meister der Musik komponiert haben.

Kurz gefasst: Musik, die sich wie Maden und Kellerasseln über tote Körper ausbreitet, Kindern Angst einjagt und sich super für effektreiche Verfilmungen einsetzen lässt, ohne dabei auf die hohe Kunst des Musizierens zu verzichten. Vollkommen anders, und vollkommen krank.

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