Review

HARPYIE - Freakshow30.09.2015

HARPYIE - Freakshow

HARPYIE - Freakshow
 
 verfasst von Karla the Fox
 
Bei den Recherchen zu diesem Review wurde mir mal wirklich klar, wie einflussreich solche Texte im Zweifelsfalle sein können. Sie können zwar nicht aus Nichtskönnern Stars machen, das ist Quatsch, aber am Beispiel von Harpyie könnten sie helfen, eine Band zu ruinieren. Ich habe mir nicht einmal alte Rezensionen durchgelesen, sondern nur den Wikipediaeintrag durchstöbert um zu sehen, wann sie die Band gegründet hat, ob es Line Up-Wechsel gab, eine Diskographie, so was halt. Das erste, was einem bei jenem Artikel ins Auge und Gedächtnis sticht, ist, dass die ersten beiden Alben der Band von eben solchen Webzinekritikern nach Strich und Faden zerrissen wurden. Nun kenne ich die alten Alben nicht, jedenfalls nicht gut genug, dass ich sie je auf irgendwas analysiert hätte und nehme mir auch vor, unvoreingenommen an die Sache ranzugehen. Doch es nützt nichts. Sobald man einmal den Floh ins Ohr gesetzt bekommen hat, findet man überall was, wo es hakt und wird um einiges kritischer. Dann denkt man wieder, ach komm, die übertreiben doch, dann will man aber doch nicht so klein beigeben und meint, aus Fairness gegenüber anderen Genrevertretern muss man ehrlich abrechnen. Letztere Gedanken sind nicht das, was ich direkt mit diesem Album von Harpyie vorhabe, es ist eben der grundsätzliche Gedankengang nachdem man gemerkt hat, dass jeder andere eine bestimmte Musik mau findet und man nicht selbst unbedingt der größte Fan ist, der seine Helden verteidigt.

Das nur mal am Rande, um zu zeigen, dass sich solche Worte als Kettenreaktion zu einer Lawine ergeben können, die eine hoffnungsvolle Band unter sich begräbt. Freakshow von Harpyie, das programmatisch sinnvoll mit dem Titelsong einsteigt, bringt uns in einen dunklen Wanderzirkus der Geschöpfe der Nacht. Sie werden zwar alle vorgestellt und sind solch übliche Kreaturen aus Freakshows wie die Frau mit Bart, eine mit zwei Köpfen, ein Riese und ein Zwerg. Doch schon hier geht es damit los, dass Harpyie nicht merkwürdige Menschen aus geraumer Vergangenheit meinen, wie ihr Folklore-Mittelalter-Stil vermuten lassen könnte, sondern dich und mich und jeden anderen Freak, der irgendwie mal vorgeführt wurde und sich anders fühlte als der Rest. Die Assoziationen dürften hoffentlich von Lied zu Lied und von Hörer zu Hörer variieren und dies ist schon ein starker Punkt des Albums: phantasievolle Texte, die sowohl wörtlich als erzählte Märchen funktionieren wie als gesellschaftliche Kritik unserer aktuellen Gegenwart. Mörder, Phobien, Hass und Häme, Fremdenfeindlichkeit, unbedachte Feierei,... die Liste der Kritikpunkte an uns ist lang. Wir dürfen allein deswegen nun auch zu den Kritikpunkten an Harpyie selbst kommen. Da gibt es schon ein paar. Sei es die tatsächlich noch ausbaufähige Stimme des Sängers oder die allzu starke Anlehnung an bekanntere Akteure wie Saltatio Mortis, insgesamt glaube ich nicht, dass dieses Album so schlecht ist, wie manch einer vielleicht befürchtet.

Es sind die üblichen Dudelsäcke und Geigeneinsätze, die das Mittelalterflair im sonstigen Rockzirkus verleihen, aber das war zu erwarten und geht auch kaum anders. Schön finde ich eben wirklich die Art, wie man die Texte interpretieren kann und darf oder eben auch nicht und wie Harpyie von vorne bis hinten ihre Energie aufrecht halten, was bei Liveshows sicher nicht schlecht ankommt. In diesem Sinne mache ich euch mal den Vorhang auf. Kommt doch herein in den etwas anderen Wanderzirkus. Aber passt auf, dass ihr nicht als nächstes hinter Gittern landet...

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