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DYSFUNKTION - Leben ist Programm17.07.2017

DYSFUNKTION - Leben ist Programm

DYSFUNKTION - Leben ist Programm

verfasst von Karla the Fox

Dysfunktion bringen neues Material. Nachdem ich 2015 ihr erstes Album rezensieren durfte, meldeten sie sich diesmal persönlich bei mir mit der Nachricht, dass eine neue Platte in den Startlöchern stehen würde. Sie heißt "Leben ist Programm" und wer genau hinschaut, entdeckt die schwirrenden Nullen und Einsen, die auf dem Cover den Planeten verdecken. Erinnert direkt an den Film 'Matrix'. Ist unser Leben tatsächlich schon so durchdigitalisiert, dass es nur noch aus einem binären Code besteht? Nicht direkt. Jedenfalls nicht im technischen Sinne, und um Nerd-Wissen und Computer-Dystopien geht es auch nicht unbedingt auf dem Album... eher um die kleinen Unterschiede, die das Internet uns im Alltag bereitet.

Zum Beispiel in "Kein Interesse". Da geht es um nichts Weiteres als ein Mädchen, das den Protagonisten immer wieder in einem Chat anschreibt und ihm dabei Sachen erzählt, die ihn überhaupt nicht interessieren. So ein Gespräch kann einem auch in der Offline-Welt begegnen. Dort kann man aber nicht solche 'Fehler begehen', wie eine Freundschaft zu bestätigen und sich dann in der Pflicht zu sehen, auch mit dieser anderen Person reden zu müssen. Man kann auch nicht so krass gestalket, geliket und zu jeder Zeit zugetextet werden. Eine Situation, die wir sicher alle schon hatten. Online-Vorteil: Wer blockiert ist, von dem kriegt man gar nichts mehr! Ein weiterer Song, der sich mit sehr modernen Phänomenen befasst ist "Pseudohippies". Darin werden die Hipster angesprochen. Kernaussage: Wenn ihr nur Dinge tut, die andere nicht tun, lasst ihr euch letztlich doch wieder vorschreiben, wie ihr zu handeln habt, um cool zu sein. Und dass eben vieles gestellt ist. Auch wenn hier, glaube ich, nicht so viele digitale Stichwörter fallen, ist es eine Sache, die erst mit dem Internet aufkam. Als man plötzlich öffentlich gegen den Strom schwimmen konnte und jedem zeigen, was man hat und tut. Im Titelsong selbst werden Dysfunktion konkreter in Bezug auf den Einfluss von Computern. Wir laufen nur noch nach Programmen, führen Dinge aus, speichern sie, gehen kaputt, werden gelöscht. Am Ende heißt es "ich schalte mich ab". Was damit gemeint ist, ob man nur aus dieser Durchgeplantheit aussteigt oder gar wirklich seinen Lebensschalter umlegt, bleibt zur Interpretation offen.

Sind die bisher genannten Songs eher zynisch und frech, wird es in "In die Sterne schauen" oder "Ich und Du" gefühlvoller. Der erste dieser beiden Songs ist mein Liebling auf der Platte. Musikalisch wunderschön und ein Text, der auch einen Ausblick darauf gibt, wie man sein Leben wieder in die richtige Bahn lenken kann: einfach die Welt mal wieder mit den Augen eines Kindes oder Jugendlichen sehen und auch die Dinge tun, die man in dem Alter getan hat. Damit schafft man sich wieder Freiraum und das Gefühl, die kleinen Momente genießen zu können. "Ich und Du" beschreibt eine auseinanderbrechende Beziehung. Kein schöner Inhalt, aber auch ein schöner Song. "Hallo Handlungsinkompetenz" hingegen könnte etwas abwechslungsreicher sein, auch wenn die Message ankommt. Jeder kennt das Gefühl, nicht zu wissen, was man selbst kann oder darf und auch niemanden zu haben, bei dem man sich verlassen kann, dass er es richtig macht. Andererseits: Who cares?? Ich denke, auch Dysfunktion wären ganz glücklich, wenn die Menschheit sich etwas entspannen würden, was die Organisation ihres Lebens angeht.

Fazit: Wie im ersten Album gibt es wieder Punk/Garage-Rock mit deutschen Texten und kreativer Sozialkritik. Wenn ich Dysfunktion wäre, würde ich aber wenigstens ein oder zwei rein positive Songs einbauen. Das fehlt mir auf dem Album, eine Sicht auf die Dinge, die die Band zur Abwechslung mal gut findet.

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